Freitag, 14. Mai 2010

Hoffnung nach dem Tsunami


Unser letzter Tag in Chile ist verbunden mit den bisher stärksten Eindrücken: Die Fahrt führt uns in die Hafenstadt Dichato, 40 Kilometer westlich von Concepcion. Als wir über die Hauptstraße in die Innenstadt kommen, bietet sich uns ein Bild der Zerstörung. Der Tsunami riß am 27. Februar mit drei Wellen - die höchste davon elf Meter - 850 Häuser mit sich. Das Wunder: "Nur" 17 Menschen kamen ums Leben, die Bewohner hatten sich rechtzeitig auf die Hügel der Umgebung geflüchtet. Tagelang war Dichato völlig von der Umwelt abgeschnitten, "entdeckt" wurde das Drama von einer TV/Journalistin, die mit dem Hubschrauber die Küste entlang geflogen war. Sie alarmierte die Helfer von World Vision, die binnen 24 Stunden die Stadt mit Hilfsgütern erreichten. World Vision ist nach wie vor vor Ort, Alejandro Cartes (Bild)koordiniert die Hilfsarbeiten aller NGOs in Dichato. Ein 24-Stunden Job. 130 Notquartiere wurden bisher errichtet, 519 sollen es bis Ende des Monats sein. Auch drei "Child friendly spaces" wurden errichtet, in ihnen finden die Kinder Ablenkung bei Spielen mit Gleichaltrigen.

Bedrückt verlassen wir Dichato, aber auch beeindruckt. Bedrückt wegen der Not der Menschen in dieser leidgeprüften Stadt, beeindruckt von ihrem Optimismus und ihrer Zuversicht, beeindruckt auch von den Leistungen der Helfer.

Donnerstag, 13. Mai 2010

Im Zentrum der Zerstörung


Lokalaugenschein in Lota, der ehemaligen Bergbaustadt an der Pazifikküste. Hier waren die Zerstörungen durch das Erdbeben besonders schlimm. 2000 Häuser wurden völlig zerstört, mehr als 3500 zum Teil schwer beschädigt (Bild links) - die Hälfte aller Gebäude in Lota. Der Bürgermeister (Bild rechts) erhebt im Interview schwere Vorwürfe gegen die Regierung. Sie hätte die durch mehr als 25 Prozent Arbeitslosigkeit ohnehin schon schwer geprüfte Stadt im Stich gelassen. Hilfe sei nur zögerlich angekommen. Auch dass die Kommunikation und die Wasserversorgung völlig ausgefallen sei, wäre ein Skandal. Allerdings: Die Bewohner von Lota stünden geschlossen zusammen, würden sich gegenseitig helfen. "Lota hatte als erste Stadt Chiles Strom, hatte die erste Bierbrauerei des Landes und produzierte den ersten Computer Chiles. Wir werden auch diese Krise meistern."


So wie er denken alle Bewohner - aber dennoch ist man auf Hilfe von außen angewiesen. Zu groß sind die Zerstörungen, die das Beben hinterlassen hat. Als wir die Stadt verlassen, erschüttert gerade ein leichtes Nachbeben die Region Bio-Bio. Die Bewohner bleiben gelassen, zeigen keine Anzeichen von Furcht oder Panik. Und auch World Vision ist dort, wo Hilfe am dringendsten benötigt wird: in einem so genannten "Child Friendly Space", einem hellen, freundlichen Zelt, können Kinder spielen, sich erholen oder sich ausruhen - alles unter Aufsicht von erfahrenen World Vision-Mitarbeitern. Eine Insel zum Glücklichsein inmitten des ganzen Dramas.

Mittwoch, 12. Mai 2010

Traumata und Wiederaufbau


Noch einmal ein Besuch in Puerto Saavedra, diesmal mit vier österreichsichen TopjournalistInnen: Wir sind bei Maria Paillal (49), der Großmutter des kleinen Benjamin (Bild). Seine Mutter und die drei Monate alte Schwester kamen beim Erdbeben ums Leben, als der Wassertank neben ihrem Haus umstürzte und die beiden unter sich begrub. Benjamin, er hat einn österreichsichen Paten, ist immer noch schwer traumatisiert, ebenso seine Großmutter, die seitdem nicht mehr aus dem Haus gegangen. Das Elternhaus des Jungen wird mittlerweile neu aufgebaut, wird in wenigen Wochen fertig gestellt sein. Nur ein Schicksal unter vielen, die vom Erdbeben in Chile geprägt wurden.

Dienstag, 11. Mai 2010

Von Geiern und Schafen


Unser zweiter Tag in Puerto Saavedra und dem World Vision-Entwicklungsprojekt La Frontera: Unter den wachsamen Augen von einem Dutzend Geiern, die uns von den Bäumen herab beobachten, besuchen wir ein von World Vision Österreich unterstütztes Projekt. Sieben Frauen verarbeiten die Wolle ihrer Schafe zu Pullovern, Schals und Hauben und verkaufen sie auf dem Markt, wie uns Alicia Deumacan (links) stolz berichtet. Zwischen 30-40.000 Pesos, umgerechnet 400-500 Euro verdienen sie damit im Monat, ein gutes Zusatzeinkommen für die Familien, da die meisten ihrer Männer als Tagelöhner arbeiten. Von World Vision wurden sie in der Herstellung der Wollprodukte geschult, dazu lernten sie, wie man die fertigen Produkte am besten vermarktet. Ein gutes Beispiel für die nachhaltige Arbeit von World Vision in diesem Projekt

Montag, 10. Mai 2010

Einsturzgefahr in der Schule


Fahrt nach Puerto Saavedra, eine Autostunde von Tamuco entfent am Pazifik gelegen: Auch hier hat das Erdbeben deutliche >Spuren hinterlassen. Die Straße am Strand ist von 60, 70 Zentimeter breiten meterlangen Furchen durchzogen, immer wieder wölbt sich der Betonbelag bis zu 30 Zentimeter in die Höhe. Unmittalbar am Meer liegt eine hundert Jahre alte Schule. Direktor Patricio Gonzales führt uns durch die Klassenräume: Überall klaffen Risse, Sägespäne am Fussboden sollen das Wasser aufsaugen, das durch das beschädigte Dach tropft. Das Gebäude ist eigentlich akut einsturzgefährdet, könnte beim nächsten Nachbeben jederzeit einstürzen. Hilfe von der Regierung? "Leider keine," wie Gonzales resigniert feststellt. Den Schülern ist das egal: Sie spielen in der Pause am Schulhof, haben sich aus Palmblättern Springschnüre gebastelt. Sie leben unbeschwert in den Tag hinein, sind wie die Kinder bei uns auch.

Sonntag, 9. Mai 2010

Vulkane und Wellenrauschen


Sonntag ist auch in Chile frei - also nutzten wir die Gelegenheit zu einem Ausflug an den Lago Colico: etwa so groß wie der Neusiedlersee begrüsste er uns in mildes Herbstlicht getaucht und mit 50 Zentimeter hohen Wellen. Erstaunlich: Am See, der ungefähr eine Autostunde von Temuco entfernt liegt, stehen am Ufer nur wenige Häuser. Wer also Ruhe sucht, ist hier richtig. Ebenso imposant: die drei Vulkane, die auf dem Weg zum Lago Colico immer wieder im Blickfeld auftauchen. Einer war zuletzt vor vier Jahren aktiv und legte für mehrere Tage den Flugverkehr in Chile lahm. Damals war das in Europa allerdings kein Thema.


Die Bebenopfer geben nicht auf

Weiter ging es am Samstag mit Besuchen bei Patenkindern im Erdbebengebiet - und alle Familien dort haben trotz aller Widrigkeiten die Hoffnung nicht verloren. Sie kämpfen mit Unterstützung von World Vision vor Ort gtegen ihr Schicksal an. Jacqueline Rodriguez etwa lebt mit ihren beiden Kindern in einem teilweise eingestürzten Haus. Sie bekam von World Vision im Vorjahr fünf Schafe und ist als Züchterin erfolgreich. Doch durch das Beben wurde ihr Brunnen verschüttet, sie ist auf Wasserlieferungen durch die Behörden angewiesen.

Oder Mauricio Saavedra, der seine Familie als Köhler mühsam durchbringt. Die Erdstöße zerstörten seinen Meiler, in dem er Holzkohle produzierte. Ein neuer kostet umgerechnet 3000 Euro. Unerschwinglich für ihn. Doch keiner der Betroffenen resigniert, alle suchen nach jeder Art von Arbeit. Und alle glauben an sich.

So wie die Schülerin Francisca (17), die ebenfalls einen Paten aus Österreich hat: Sie beendet heuer ihre Ausbildung und will dann Lebensmitteltechnikerin werden. "Um den Hunger bekämpfen zu können," wie sie selbstbewusst meint. In ihrer Freizeit hört sie Reggae-Musik - ein ganz normales Mädchen...